Crew

THE CREW – Folge 783 Jette Lebowsbee


Ein Merkmal prägt unsere Crew wie kein Zweites. Die Lebenswege mäandern und machen sich von gesellschaftlichen Erwartungen (Abitur, Studium, Wohlstand) und geradlinigen Karrieren frei. Konsens scheint die Erkenntnis, dass die Menschen, die Welt, das Leben zu spannend sind, als das diesen mit einem stromlinienförmigen Lebenslauf begegnet werden kann. Wisst ihr wie spannend die Gespräche beim gemeinsamen Essen sind? Da wird das Essen der Cateringcrew in den Himmel gelobt (Jette möchte das ausdrücklich anmerken) und schnell findet man sich in tiefgründigen Gesprächen über Gott und die Welt wieder. Und wartet mal ab, wenn am Abend noch 'ne Flasche Rotwein oder Bier dazu kommt...

Exemplarisch dafür steht sicher auch 'ne Person wie Jette. Sie kam vor gut 5 Jahren in unser Team. Sie studierte in Dessau und Halle Design, hat gerade einen Arbeitsvertrag als Fremdsprachensekretärin im Umweltforschungszentrum unterzeichnet, davor lange Jahre in einer Veranstaltungsbaufirma und als Grafikerin gearbeitet. Bei uns ist sie von Aufbaubeginn bis Abbauende am Start und bringt dann die von ihr beim Endless Summer erworbenen Skills zur Anwendung. Dazwischen unterstützt sie unsere creweigene Security bei den Fahrzeugkontrollen. An Arbeit mangelt es bei einem Festival nie. Geil, wenn das Team aus Leuten besteht, die Arbeit sehen und loslegen. Den Höhepunkt erreicht das Ganze, wenn Jette beim Beseitigen der Festivalhinterlassenschaften rückenschonend vom Entengang in den herabschauend-laufenden Hund und zurück wechselt. Ein Anblick, den niemand so schnell vergisst.

Für das Festival im Juli hat sie aber noch einen ganz großen Wunsch. Auch wenn es den Anschein macht, dass ein Posten in dieser Festivalcrew keine freien Spitzen zulässt, dümpelte Jette am Samstag der 2019er Edition auf ihrem Melonenschwimmreifen, als sie eine Kette mehrerer Luftmatratzen und Schwimmreifen in der Mitte des Wassers entdeckte. Zielsicher nahm sie Kurs auf die wachsende Schwimmtier-Polonäse und vernahm schon den Ruf: „Melone, hier rüber – hier is' das Ende!“. Sie griff nach dem letzten Schwimmreifen in der Reihe, kurz darauf dockte an ihrem schon ein im Sinken begriffenes Piratenluftschiff an. Am Anfang der Schlange schleppte ein Festivalgast die bunte Truppe zu Fuß durch das Wasser und so kam Bewegung in die luftige Perlenkette. Groß und Klein staunten nicht schlecht, denn Augenzeugen zufolge soll die Schwimmtier-Polonäse über 30 Meter lang gewesen sein! Ihr Wunsch – das schreit nach einer Wiederholung.

»leipzig-summt

BTF: Aus eigenen Erfahrungen kann ich berichten, dass du ne wahre Expertin in Bezug auf Fluginsekten, speziell Bienen bist. Du konntest mir direkt erklären, dass dieser riesige blauschimmernde Brummer eine blaue Holzbiene ist, es auch markante Brutgänge im Totholz geben muss und dass diese Bienenart noch recht neu in unseren Gefilden ist. Woher kommt dein Interesse an Insekten?
JL: Ich hab mich schon immer für Tiere, Natur und Umweltschutz interessiert. Zu den Insekten kam ich im Studium, ich hatte mich im Informationsdesign eher zufällig mit dem Bienensterben beschäftigt. In einem späteren Text-Seminar habe ich das wieder aufgegriffen und so nette Sprüche wie "Ohne Biene nur Routine in der Kantine" geschrieben. Ab dem Punkt bin ich irgendwie dran geblieben und hab gemerkt, dass das Thema meist völlig falsch kommuniziert wird. Die meisten Beiträge dazu bezogen sich auf Honigbienen, aber das "Bienensterben" ist eigentlich ein Insektensterben, betroffen sind vor allem Wildbienen, Falter, Wespen, Käfer, ... deren Anzahl aufgrund von Lebensraumverlust in den letzten 30 Jahren um etwa 70 % zurück gegangen ist (trauriger Fakt: die Studien dazu wurden in Naturschutzgebieten durchgeführt – was das für urbane und landwirtschaftliche Flächen bedeutet, kann sich sicher jeder vorstellen). Ich stieg also tiefer ins Thema Wildbienen ein und widmete mich diesem auch in meiner Masterarbeit (Design im Umweltschutz – am Beispiel der Wildbienen). In dem Rahmen habe ich auch die Gründer von Deutschland summt! und meinen jetzigen Arbeitsplatz, das UFZ, kennen gelernt. In den letzten Jahren wuchs mein Interesse eher in die Breite als in die Tiefe, so dass ich mich von den Spezifikationen der etwa 570 Wildbienenarten in Deutschland gelöst und auf das gesamte Feld der Insekten konzentriert habe. So sind meinem Wildbienenkalender 2019 die Insektenkalender 2020 und 2021 gefolgt, einige der verwendeten Fotos sind übrigens auch in Glaubitz entstanden (dazu später mehr). Wenn man allerdings bedenkt, wie umfangreich und verzweigt die Insektenkunde ist, kann man mein Wissen auch nur als oberflächlich bezeichnen. Aber das ist in Ordnung, so gibt es immer viel zu entdecken.

BTF: Da es den heimischen Insekten nicht sonderlich gut geht, hast du mit Freunden einen Verein gegründet, in dem der Schutz und die Aufklärung im Mittelpunkt stehen. Was kannst du uns dazu berichten?
JL: Während der Masterarbeit habe ich das Corporate Design von Deutschland summt! untersucht und dabei auch den Initiator Cornelis interviewt. Ich hatte ihn damals auch gefragt, wie ich Leipzig summt! gründen könnte, da man sich das Konzept wie ein Franchise-System vorstellen kann. Es gibt schon etliche summt!Ableger. Etwa ein Jahr später meldete sich Jonas bei mir, er hatte meinen Kontakt von Cornelis bekommen, da auch er Interesse hatte, die Initiative ins Leben zu rufen. Jonas brachte auch gleich noch ein paar Freunde mit und so kam die ganze Sache ins Rollen. Im März 2021 wird Leipzig summt! zwei Jahre alt, ein Verein sind wir aber erst seit Dezember 2020. Instagram ist unser stärkstes Medium, wir berichten regelmäßig über Insekten, Pflanzen, Maßnahmen und teilen Veranstaltungshinweise anderer Initiativen und der Stadt. Aber wir sind auch aktiv, nehmen z. B. am städtischen Masterplan Grün teil und sind Projektpartner des BUND beim Citizen-Science-Projekt Vielfaltergarten. Und in unserem Schaugarten in einem Leipziger Kleingartenverein zeigen wir Kleingärtnern, wie sie ihre Parzelle insektenfreundlich gestalten können.

BTF: Konntest du auf dem Areal des Festivals auch schon besondere Beobachtungen machen oder hat der Einfluss der Landwirtschaft keinen förderlichen Einfluss auf die Artendiversität?
JL: Die Landwirtschaft – so notwendig sie auch ist, um uns alle zu ernähren – hat leider einen enorm negativen Effekt auf die Artenvielfalt. Der Großteil unserer landwirtschaftlichen Flächen wird monokulturell bewirtschaftet – eine einseitige Flora bietet eben auch nur eine einseitige Fauna. Moderne Erntemethoden und Chemikalien belasten die Insekten zusätzlich. Es gibt insektenfreundlichere Methoden in der Landwirtschaft, leider sind diese meist aufwändiger, dabei weniger ertragreich und die Landwirte werden zu wenig gefördert und entschädigt. In Glaubitz, gerade am Reitplatz gibt es ja aber auch Wald und Wiesen und so hat mich wahrscheinlich schon jedes Crewmitglied mit dem Kopf im Gestrüpp oder im Kräuterbeet gesehen. Blühende Kräuter sind für viele bestäubende Insekten unwiderstehlich, so dass sich am Oregano und Lavendel vor dem Sportlerheim immer massenhaft Bienen, Falter und Wespen (noch ein interessanter Fakt: von über 300 einheimischen Wespenarten gehen uns gerade mal 2 Arten auf die Nerven!) tummeln. Besonders fasziniert hat mich die borstige Dolchwespe, ein schönes tiefschwarzes Tier mit leuchtend gelber Markierung. Aber mir ist auch schon ein riesiges Heupferd am Bauwagen neben dem Campingplatz-Einlass begegnet. Diese beiden, aber auch das Kleine Wiesenvögelchen (tatsächlich ein Schmetterling) sind in meinem aktuellen Insektenkalender zu sehen – 3 Monate gehen also direkt an Glaubitz!